Ungeliebte Potentiale

Ungeliebte Potentiale
Von Dr. Beate Maul & Gianna Irmisch

Zentrum für Weiblichkeit (www.zentrumfuerweiblichkeit.de)

Hörst du ihr Rufen, ihr Flüstern?
Durch rauschende Blätter hindurch,
Ihr Hauch an deinem Ohr
Der keinen Zweifel lässt:
Mutter Erde erwacht,
die wilde, die zarte
Die unumstößlich Neues schafft.
Ja, sie hat dich gefunden
Auf ihrer langen Reise durch die Zeit.
Blütenregen im Gepäck
Ein Fest
Wie tausend Jahre nicht.
Sie feiert ihre Wiedergeburt.
Als Schöpferin
In Dir!

 

Vielen Menschen in unserer Gesellschaft wird es immer mehr bewusst, dass wir in einer absolut herausragenden Zeit leben. Als Menschheit scheinen wir vor fast unlösbaren Problemen zu stehen, die wir zum großen Teil selbst verursacht haben. Inmitten von Umweltverschmutzung und Kriegen scheinen wir als Kollektiv gefangen zu sein, Angst vor der Zukunft ist immanent in uns allen vorhanden. Als einzelne Menschen haben wir hingegen ein Bewusstsein mit einem hohen Grad an Individualität und persönlicher Freiheit entwickelt.
Auch wir Frauen haben gelernt, unsere männlichen Eigenschaften in einer auf Wettbewerb ausgerichteten Gesellschaft gewinnbringend einzusetzen. Das sind mitunter die Früchte der kämpferischen Frauenbewegung der Siebziger Jahre. Wir haben das Privileg, uns mit unserer eigenen Vision zu beschäftigen. Wir sind Mitschöpferinnen der Gegenwart. Und wir dürfen unsere Kraft und unsere Sicht der Dinge in das tägliche Leben einweben!
Nun könnte man meinen, wir freien Menschen sind heute erfolgreich, unabhängig und also glücklich.

Und wir lieben und entfalten vollständig unsere Potentiale.

 

Stimmt das für dich?

Oder gehörst Du zu den Menschen, die sich noch durch etwas gehemmt fühlen? Ahnst du, dass du etwas zu geben hast, aber weißt noch nicht was oder wie?

 

Wenn Du ganz still wirst, kannst Du vielleicht fühlen, dass heute  viele Menschen gerade so wie du auf der Erde leben, die unermesslich viel  Erfahrung haben. Du bist, wir sind uralte Seelen die schon sehr weit gewandert sind.

Trotzdem sind wir alle unvorbereitet! Viele von uns ersticken fast im Wahnsinn des alltäglichen Überlebenskampfes und der Informationsflut.

Was sollen wir tun? Wie oder wo sollen wir beginnen, wohin uns wenden? Und: Wie können wir unsere Aufgabe auf der Erde finden und erfüllen in dieser herausfordernden Zeit der Geschichte?

 

Klar ist: Nun ist die Zeit, unser ganzes Potential Mutter Erde zur Verfügung stellen. Paradoxerweise sind es gerade unsere  „Schwächen“ und Schattenaspekte,  die uns dabei den Weg weisen.

 

Schon als Kinder wurde uns beigebracht, unsere Schwächen so gut es geht zu verstecken. Zumindest die Eigenschaften, die den Eltern ein Dorn im Auge waren. Und vielleicht haben wir auch versucht, unsere Kinder vor ihren „Schwächen“ zu bewahren.

Unweigerlich haben all diese Kinder irgendwann mit ihren versteckten und ungeliebten Eigenschaften das Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht stimmt.
Sie glauben: so wie sie sind, sind sie nicht richtig, nicht gut genug, nicht liebenswert. Wieso sonst sollten sie Teile von sich verbergen müssen? Das Ergebnis sind Erwachsene, die sich nicht mit allen ihren Seiten und mit ihrem ganzen Sein angenommen fühlen. Das Verbergen des Teiles von uns, der nicht „gut genug“ ist, kostet uns als Erwachsene viel Kraft. Kostbare Lebenskraft, die wir bräuchten, um unseren selbstbestimmten Lebensweg beHERZt und mutig zu gehen.

Was ist jedoch in den Eigenschaften verborgen, die wir als Kinder unter-drücken mussten? Was, wenn wir frei alles leben dürften?
Clarissa Pinkola Estés beschreibt in ihrem Buch „Die Wolfsfrau“ gleich zwei Formen von Verleugnung der eigenen Wildnatur, die jedem Menschen inne wohnt: das äußere gesellschaftliche Exil und das innere emotionale Exil. In beiden ist die wilde, freie kindliche Seele gefangen. Sie wählt das Märchen vom hässlichen Entlein (von Hans Christian Andersen) als das bei uns wohl bekannteste Beispiel für den Mythos von der Angst, nicht richtig oder nicht gut genug zu sein: Der junge noch graue Schwan, der in der Gemeinschaft der Enten groß wird, wird hier von allen als hässliches Entlein gehänselt und ausgestoßen. Das hässliche Entlein muss sich schließlich auf eine einsame Suche nach einem Ort machen, an dem es leben kann. Dabei gerät es immer wieder in Gemeinschaften, die es ob seiner Andersartigkeit verhöhnen und beschimpfen. Letztlich gibt sich das hässliche Entlein fast auf und ist bereit zu sterben. Erst nach der in seiner Natur bereits angelegten Transformation kann es in der Begegnung mit seinen wahren Artgenossen, den Schwänen, die eigene Schönheit entdecken.

 

Der Schwan konnte sich in der Gesellschaft, die ihn verhöhnte und kritisierte, seiner Potentiale nicht bewusst werden. Es gab für ihn in diesem Umfeld keine Möglichkeit, seine Andersartigkeit als Stärke zu erkennen.

Wir tragen wohl alle ein solches hässliches Entlein in uns. Wenn wir ehrlich sind, kennen wir alle ein Gefühl, schlechter zu sein als andere, nicht dazuzugehören. Nicht gut genug zu sein! Nicht geliebt um unserer Selbst willen!

Was aber geschieht, wenn wir unsere sogenannten Schwächen ans Licht holen, sie aus dem Versteck befreien? Und wenn wir uns eine Gemeinschaft suchen, die uns unterstützt und unsere wahre Natur erkennen und wertschätzen kann?

Er-Innere Dich:

Du bist zu diesem Zeitpunkt hier auf dieser Erde.

Und diese Erde braucht dich. Sie hat schon immer auf dich gewartet und sie braucht dich genau so wie du bist!

In der Kreisarbeit mit Frauen wurde uns in den letzten Jahren immer mehr bewusst, wie wichtig es ist, einen geschützten Raum zu kreieren, um unser Inneres kennen zu lernen und nicht im Außen nach den Lehrmeistern zu suchen. Nur wir selbst sind dazu in der Lage, unser Geschenk, unser Potential in die Welt zu tragen. Nie zuvor war es so essentiell wichtig, sich der uns innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten bewusst zu werden und diese zum Wohle aller einzusetzen. Insbesondere die „weiblichen“, die lange versteckten und unterdrückten Qualitäten – sowohl in Männern, als auch in Frauen – scheinen dabei eine Schlüsselrolle zu spielen.

Was sind „weibliche Qualitäten“, was sind unsere weiblichen ureigenen Impulse? Was ist das Geschenk des Weiblichen in Mann und Frau?

Wenn im Außen Krieg herrscht, so können wir zum Frieden beitragen, indem wir uns nach Innen wenden, uns Er-Innern: an die Sanftheit, die Anmut, die Schönheit, die Verspieltheit, oder ganz einfach die Fähigkeit, Leben zu tragen, zu gebären und zu nähren. Daran, einen anderen Menschen ganz und gar liebend zu umschließen ohne Urteil. Oder daran, einen anderen Menschen so fühlen zu können, als sei es unser eigener Leib. Daran, zart zu sein und zärtlich. Oder daran, empfänglich zu sein und offen. Und vielleicht sogar daran, dass wir verletzlich sind.
Sind dies „Schwächen“ oder gar die weibliche Kraft?

Oft liegt unter dem Schmerz, hinter dem Vergessen, zwischen den Lügen und nach der Scham der Ort der Kraft.

Vielleicht gibt es eine leise Stimme in dir: ein Wissen um die Kraft hinter all den Dingen. Zwischen Kriegen und dem Kampf um Geld und Macht wird ein Ruf immer lauter vernehmbar:
Mutter Erde ruft ihre Kinder. Sie braucht jede und jeden Einzelnen von uns. Sie ist die Liebe, die uns nährt, die uns Schutz gibt, die uns trägt und die unser Boden ist. Sie ist nur in Vergessenheit geraten! Sie spricht mit uns Frauen auf einzigartige Weise durch unseren weiblichen Körper. Dort fühlen wir den Weg. Die Erde ist ein fühlendes Wesen so wie wir. Sie braucht unsere Aufmerksamkeit, unseren Respekt, unsere Wertschätzung, unser Fühlen, unser Mitgefühl, unsere Liebe. Sie braucht all unsere vergessenen und verdrängten weiblichen Schätze.

Menschen, die heute bereit sind zu fühlen, sind diejenigen unter uns, die beginnen die Schichten von Schmerz und Leid abzutragen. Je tiefer wir sinken, desto näher kommen wir uns.
Egal wo Du stehst oder wie erfolgreich Du in Deinem Leben bislang warst, in Deinem Leben herrscht vielleicht großer Schmerz und große Verwirrung, wie bei vielen von uns. Das Versprechen, wer wir sind und wer wir sein können, ist so unermesslich groß. Das zu erkennen kann manchmal mit großem Schmerz verbunden sein. Wir wandern zurück zur Quelle durch die Erinnerungen unserer Körper. Wir durchqueren Speicher von grausamen Gefühlen, Ansammlungen aus der Vergangenheit. Wir umarmen unsere Schwächen, und  mitten im Schmerz fühlen wir, dass wir auf dem Weg sind, unwiderstehlich angezogen von der tiefen Sehnsucht, unser Herz ehrlich und wahrhaftig vollständig zu öffnen und die Liebe, die wir sind, zu leben. Es gibt kaum etwas Schöneres als wenn wir uns selbst erkennen und unter tausend Tränen und Lachen wieder unseren Platz einnehmen.
Wir werden uns unserer Aufgabe bewusst.

Und kehren heim.